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Nachwort 

von Tatjana Madeleine Popovic´
aus dem Novellenband Die Stadt der Ewigen
von Käthe Braun-Prager

(Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt!)

Käthe Braun-Prager (Katharina Maria Braun), 1888 in Wien geboren, stammte aus einem österreichisch-jüdischen Elternhaus. Die Mutter starb bei ihrer Geburt, als ihr Bruder Felix (1) gerade drei Jahre alt war. Der Vater, Eduard Braun, heiratete ein Jahr später die Schwester der Mutter, Laura Kohn. Einige Jahre später wurde ihr Halbbruder Robert (2)  geboren. Vom dichtenden Großvater (3) sehr beeindruckt, schrieb ihr Bruder Felix schon mit 14 Jahren sein erstes Theaterstück Die Kastellianerin und das hat sicherlich auch Käthe Braun-Prager in literarischer Hinsicht beflügelt. Die Geschwister Braun verband eine sehr starke seelische und geistige Beziehung, die noch bis zum ihrem Tod andauerte.
   Das liberal-bürgerliche Elternhaus ermöglichte Käthe Braun-Prager, meiner Großmutter, eine Ausbildung in einer höheren Töchterschule und sie absolvierte 1907 auch die Staatsprüfung in Stenographie. Um die Familie finanziell zu unterstützen, arbeitete Käthe Braun-Prager als Privatlehrerin und seit 1907 als Beamtin in der Creditanstalt in Wien. Zu dieser Zeit hatte sie schon viele Gedichte und Aphorismen verfaßt, aber kaum etwas veröffentlicht. Als sensible und zarte Frau hatte sie aber anscheinend unter der strengen und beamtischen Atmosphäre im Büro gelitten, was von ihr in der Erzählung Büro auf eine sehr dramatische und phantasievolle Weise umgesetzt wurde. Ein kleiner Beamter, zermürbt, gestoßen, ungeliebt, verfällt dem Zahlenwahnsinn und geht schließlich daran zugrunde.
   Vom nicht-religiösen Elternhaus unbeeinflußt, konvertierte Käthe Braun-Prager zum evangelischen, in späteren Jahren zum katholischen Glauben. Ihr Bruder Robert berichtete in seinen Lebenserinnerungen von der religionskritischen Einstellung des Vaters, als dieser in Rumänien einen Rabbiner sah: "Er beobachtete, daß dieser nur gegen Geld freundliche Hilfe leistete, um so freundlicher, je größer der Betrag war. Bei den christlichen Priestern glaubte er Ähnliches zu finden. Nur die Reichen erhielten strahlende Begräbnisse. Die Frömmigkeit der Kirche hielt er mehr oder weniger für Volksbetrug..." (4) "Er bezeichnete das Tun der Priester in den Kirchen als  Hokuspokus, die Zeremonien als 'Mumpitz'." (5) Für den Vater war es das wichtigste, ein anständiger Mensch zu sein, sein Handeln zu verantworten, und er versuchte, den Kindern ein ethisches Verhalten vorzuleben. Auch ihre Mutter konvertierte, wohl aus Angst vor Verfolgung und aus Sympathie für die Kinder, im Jahre 1938 zum katholischen Glauben.
   Durch antisemitische Äußerungen in ihrem Umfeld, die die jüdischen Kinder schon früh und auch später erfahren haben, waren die christlichen Religionen für sie sicherlich sehr willkommen. Auch die Hoffnung war damit verbunden, zu einer angesehenen und geliebten Gemeinschaft zu  gehören. Das religiöse Empfinden steigerte sich noch, als Käthe Braun-Prager nach einem Hotelbrand, dem sie glücklicherweise entkommen war, die Heilige Therese von Lisieux zu verehren begann. Und doch war Käthe Braun-Prager absolut freidenkerisch und tolerant.
   Nach einigen mißglückten Liebesbeziehungen lernte Käthe Braun-Prager den Schriftsteller und Philosophen Dr. Hans Prager (6) kennen, den sie 1917 heiratete. Erst drei Jahre später wurde ihre Tochter Ulrike (7) geboren, und es ist zu vermuten, daß ihr die Geburt Todesängste bereitete, da doch ihre eigene Mutter bei ihrer Geburt starb, was sie auch bedrückte und ihr Leben lang begleitete. Sogar Felix Braun widmete in seiner Autobiographie (8) der toten Mutter ein ganzes Kapitel.
   Käthe Braun-Prager, seit 1920 freie Schriftstellerin, war ihrer Zeit voraus und lebte sehr gesellschaftsbezogen. In der Wiener Wohnung (9) gingen viele bekannte Künstler ein und aus. Käthe Braun-Prager war auch die führende und organisatorische Kraft in der Familie. Ihrem Ehemann, zwar intellektuell, aber etwas weltfremd und unpraktisch, war es nicht immer möglich, die Familie zu erhalten. Obwohl es stets an Geld fehlte, hatte Käthe Braun-Prager immer noch Zeit und Phantasie, ihre Gedichte, Erzählungen und viele Aphorismen zu verfassen und für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Auch versuchte sie sich als "Literaturagentin", indem sie mit wichtigen Leuten Kontakt aufnahm, um ihnen die Werke von Felix Braun und Hans Prager anzubieten.
   Wie tolerant und offen die Beziehung zwischen den Eheleuten war, ist auch in einem Brief vom 4. Juni 1925 zu lesen: "Daß Dir die Freundschaft mit Fräulein Nieß soviel geben kann, freut mich merkwürdigerweise, wenn Du aber trotz inneren Widerstreben aus purer Anständigkeit Dich für sie entscheiden solltest, so weißt Du wie leicht ich Dir immer alles mache. Aber ich glaube, Du bist zu faul dazu, Dein Leben zu ändern, so lange ich lebe. Gott sei Dank (...). Mir tut aber sehr leid, daß ich meine einzige seelische Konkurrentin nicht persönlich kennenlernen konnte. Du weißt, wie sehr ich solche Frauen schätze (...)."
   In einem Brief vom 29. März 1926 schreibt sie etwas kokett an ihren Mann: "Heute soll ein Ausflug nach (...) mit den ganzen Theaterleuten sein, aber ich habe beschlossen nicht zu gehen, weil der Intendant mich wirklich verehrt und meinetwegen mitkommt. Aber an unserem Hochzeitstag will ich nicht flirten; er gefällt mir sehr und wenn ich nicht verheiratet wäre, würde ich ihn vielleicht nehmen. Weil ich aber Angst vor ihm heute habe, fahre ich nach Heidelberg voraus", um dann trotzdem später zu bemerken: "...du gehst mir furchtbar ab."
   1927 wurde ihr Drama Anna Mayer in der Wiener Schauspielervereinigung "Sprungbrett" mit Erfolg uraufgeführt. Es handelt sich hier um den Kampf der Mutterliebe und um die Zwiespältigkeit der Frauenseele. 1928 bis 1938 gründete und leitete sie die "Literarische Frauenstunde" bei Radio Wien und hielt unter anderem Vorträge über berühmte österreichische Frauen. Schon früh hatte sie sich sehr intensiv mit den Frauenschicksalen und der Frauenliteratur beschäftigt. Käthe Braun-Prager befreundete sich auch mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (10), deren Werke sie herausgegeben hat und zu der sie ein inniges und geistiges Verhältnis hatte.
   1929 veröffentlichte Käthe Braun-Prager ihren ersten Gedichtband; in den darauf folgenden Jahren erschienen weitere Gedichte sowie Aphorismen und Essays. 1930 leitete sie die "Literarischen Vortragsabende" im Hotel de France in Wien und hielt Vorträge auch an den Sendern Breslau, Berlin etc. Auch im Café Katharinen-Hof in Sievering, Wien, fanden 1934 unter ihrer Leitung literarische Vorträge unter dem Motto "Döblinger Dichter" statt. Bedingt durch die politische Situation schrieb sie in den dreißiger Jahren auch unter dem Pseudonym (11) Anna Maria Brandt und veröffentlichte viele Essays. Einige Gedichte von Käthe Braun-Prager wurden in diesen Jahren auch vertont, die die Sängerin Maria Donath und der Komponist Carl Frühling in der Urania in Wien vortrugen. Ihre beiden Brüder Felix und Robert Braun waren zu dieser Zeit schon angesehene Schriftsteller, auch ihr Mann Hans Prager hielt Vorträge und arbeitete an seinen Werken über Shakespeare und Dostojewski. 
   1935 starb ihr Vater Eduard Braun an Herzversagen. Die Existenzängste und die Aufregungen durch die schwierige, politische Situation waren zu viel für ihn.
  Im März 1938 wurden die drei Wohnungen der Familien Braun und Prager gekündigt, so daß die Emigration bevorstand. Käthe Braun-Prager konnte aber wenigstens noch erreichen, daß sie für die Auflösung eine "Gnadenfrist" von einigen Monaten erhielt. Ihre Tochter Ulrike flüchtete nun nach Paris, einige Monate später reiste Hans Prager, wie vom Tode gezeichnet, ebenfalls nach Frankreich. Kurz vorher hatte er sich noch die Schilddrüse operieren lassen, da er die Emigration nicht mit einem Leiden beginnen wollte. Im Rothschild-Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in Wien hatte ihm ein bekannter Chirurg, nervös geworden durch die zahllosen Schwerverletzten der Pogrome, zuviel von dem Organ weggeschnitten und die Folgen waren nun schlimmer als das Übel selbst. (12) Robert Braun fuhr nach Schweden, wurde von dort wieder zurückgeschickt mit dem Befehl, sich in Berlin bei der Gestapo zu melden. Doch glücklicherweise wurde er vorgewarnt, und in Wien angekommen, konnte er durch Nils Silfverskjöld, den geschiedenen Mann der Wiener Tänzerin Grete Wiesenthal (13), der in Schweden lebte, bei einem zweiten Versuch mit seiner Familie in Schweden bleiben.
   Im Februar 1939 emigrierte Käthe Braun-Prager mit ihrer Mutter und mit wenig Geld (14) nach England, wo sie dann Felix Braun trafen, der direkt von Italien aus über die Schweiz nach England flüchtete, da er nur eine "Durchreisegenehmigung" für die Schweiz erhielt. Ihre Tante Helene wollte nicht mitkommen und ist 1940 nach Theresienstadt deportiert worden und dort umgekommen. Das Hab und Gut der ganzen Familie, das Käthe Braun-Prager vor der Abreise einer Spedition in Wien übergeben hatte, ist übrigens nie in England angekommen. Es wurde von dieser absichtlich zurückgehalten, so daß die Gestapo (15) 1940 Zugriff erhalten konnte und den Nachlaß versteigern ließ. Die Familie hatte unter dem Verlust sehr gelitten, denn es handelte sich hier auch um ein umfangreiches geistiges Gut.
   In England lebte die Familie anfangs in Finsthwaite im Norden Englands. Dort gab es einige wunderbare Menschen, die Käthe Braun-Prager und ihrer Familie halfen, um zu überleben, und sogar die Bauern des Ortes brachten das Geld für die Miete zusammen. (16) Die Familie wurde allerdings von der Polizei überwacht, aber die Leute im Dorf kümmerten sich rührend um sie und auch in dieser Zeit schrieb sie weiterhin ihre Gedichte und Erzählungen. Da Finsthwaite zur Kriegszone erklärt wurde, mußte Käthe Braun-Prager mit ihrer Familie innerhalb von 24 Stunden das Dorf verlassen, und durch die Hilfe einer Freundin kamen sie in die Kleinstadt Kendal in Westmorland, wo sie fünf Jahre lebten, um später in London (17) Fuß zu fassen.
   Käthe Braun-Prager versorgte ihre Familie so gut es ging, aber auch ihr Bruder Felix tat sein Bestes. Es ist bewundernswert, wie sie trotz großer Geldsorgen und Ängste vor Verfolgung immer wieder versuchte, jedem Mut zuzusprechen, was auch in vielen ihrer Briefe zum Ausdruck kommt. Auch die Sehnsucht nach ihrer Tochter Ulrike, die in Paris lebte, war sehr groß und die Briefe zwischen Mutter und Tochter sind schon fast ein literarisches Ereignis. (18) Es war auch immer die Rede davon gewesen, sich in Paris oder London zu treffen, aber durch die finanzielle und politische Situation war es irgendwann nicht mehr möglich gewesen.
   Ihre Ehe mit Hans Prager war sehr stark geistig-seelisch geprägt, und doch ist aus ihrem Gedicht (19) die große Einsamkeit zu spüren.

Tote Liebe
Wir schlafen in Särgen, er und ich
hat keiner beim Andern mehr Raum
Er liebt nicht mehr mich, er liebt nur mehr sich
und ich meinen Mädchentraum.

Die Träne treibt die Zeit voran, - 
er schaut viel auf die Uhr.
Was haben wir mit uns getan!
Ein Herbstblatt ist unser Schwur.

Sicherlich ist Hans Prager an Hitler und an seinen Helfershelfern zerbrochen und dadurch sein Lebenswillen erloschen. Der Aufenthalt in einem Internierungslager, die Sorge um die Familie, Angst vor Verfolgung in Paris sowie die mißglückte Operation waren zu viel für ihn. Er starb im Dezember 1940, geschwächt an Hunger und Medikamentenmangel, im Rothschild-Krankenhaus in Paris.
   Käthe Braun-Prager hatte vom Tod ihres Mannes erst viele Monate später erfahren, warum auch immer, anscheinend wollte ihre Tochter sie nicht aufregen. Die Trauer um den Verlust ihre Mannes hatte sie auch in vielen Aphorismen und Gedichten zum Ausdruck gebracht, wie "Lebensgefährte: Erst wenn wir ihn betrauern müssen, leben wir mit ihm" (20) oder in ihrem Gedicht: (21)

Die Witwe
Sie ist nur ein Bild im Rahmen,
wenn sie nachts aus dem Fenster lehnt.
Ein Mensch ohne Heimat und Namen,
der sich nach nichts mehr sehnt.

In der Emigration nahm Käthe Braun-Prager eines Abends ein Stück Kohle aus dem Feuer und fing das erste Mal in ihrem Leben zu malen an, sie war zu dieser Zeit bereits über 50 Jahre alt. Viele Bilder (22) sind von ihr in diesem Jahren entstanden, wie Zwei russische Bäuerinnen und  Pariser Grisette, auch arbeitete sie gerne mit Plastilin. Ihre Freundin Ella Iranyi (23), selbst Malerin, war zu dieser Zeit verschollen und die Geschwister Braun dachten, daß die aus dem Leben gerissene edle Künstlerin ihr einziges Eigentum, die Malkunst, Käthe Braun-Prager geheimnisvoll vererbt habe. Sicherlich hat ihr diese künstlerische Form über die schwere Zeit hinweggeholfen.
   Käthe Braun-Prager hielt in England viele Vorträge, so auch beim Sender BBC in London, auch über österreichische Komponisten, arbeitete als Kunstgewerblerin, schrieb Gedichte, Erzählungen, Aphorismen und übersetzte unter anderem ein Buch über Charles Dickens. (24) Ihre Liebe zu England und den Dank an das englische Volk drückte sie in The Light of England aus (25), das sie im Jahre 1951 zum Abschied an die Gastgeber überreichte.
   Als Käthe Braun-Prager mit ihrem Bruder Felix und ihrer Mutter 1951 nach Wien zurückkehrte, dauerte es viele Jahre, bis die Familie in Wien wieder richtig Fuß fassen konnte. Eine große Wohnung (26) wurde der Familie von der Stadt Wien zur Verfügung gestellt, allerdings waren die sanitären Verhältnisse katastrophal, aber sie hatten genug Platz und versuchten dort ein normales Leben zu führen. Die Tochter von Käthe Braun-Prager lebte mit der Enkelin Tatjana schon sei t1947 in Wien und wartete sehnsüchtig auf die Familie. Für meine Großmutter muß es zu dieser Zeit auch deshalb schwer gewesen sein, da sie ohne Mann, ohne finanzielle Mittel, in schwierigen Wohnverhältnissen und die kranke Mutter versorgen mußte, die 1953 starb. (das Sterbedatum der Mutter habe ich hier geändert, da im Buch von mir falsch angegeben)
   In diesen Jahren stellte Käthe Braun-Prager ihre Bilder in Kollektivausstellungen in Österreich und in anderen Ländern aus. Das Bundesministerium für Unterricht sowie die Österreichische Galerie in Wien haben einige ihrer Bilder erworben. Felix Braun äußerte sich über die Bilder seiner Schwester. "Wer diese Blätter betrachtet, könnte schwerlich angeben, woher sie stammten. Kein Vorbild, kein Meister wird an ihnen ergründbar (..). Es sind Gedichte, dargestellt durch ein anderes Mittel." (27) Es entstanden Bilder über Menschen im KZ, in Gefangenschaft, den Folterknecht, den Gauleiter etc. sowie den Erfinder der Atombombe, dessen kahler Schädel selbst die Form der Bombe hat, sowie Themen aus dem Alten und Neuen Testament.
   Auch als Herausgeberin von Anthologien hatte Käthe Braun-Prager sich einen Namen gemacht, und Thomas Mann gratulierte ihr am 18. Oktober 1953 zu ihrem Buch Liebe. (28) "...schönsten Dank für Ihr weltliterarisch fabelhaft umsichtiges Buch der Liebe!..."
   In den Erzählungen von Käthe Braun-Prager spielt die Mutter bzw. die Mütterlichkeit eine große Rolle und das in den verschiedensten Facetten. Sie zeigen die einfache Frau um 1900, mit ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit einerseits, aber auch dem Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit, oder wie in Bauernhochzeit eine Frau, die lieber sterben will, als sich einem ungeliebten Mann hinzugeben. Käthe Braun-Prager beschreibt die innere Zerrissenheit, die Problematik von Beziehungen; Wirkliches vermischt sich mit Unwirklichem. Auf erstaunliche Weise gelingt es ihr, sich in andere Personen hineinzuversetzen, mit ihnen zu fühlen und zu leiden. Auch mit dem Leid der Tiere hatte sich Käthe Braun-Prager schon früh beschäftigt. Die weißen Tiere rächen sich und begleiten den Förster in den Tod, in den er sie einmal geschickt hatte. Die Grundthemen sind Liebe, Haß, aber auch die Sehnsucht nach dem Tod und dem Jenseits, wie in Sterben  sehr eindrucksvoll geschildert. Eine Spur von Traurigkeit, mystischer Faszination, aber auch Ironie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Novellen.
   In einem Brief vom 18. November 1966, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, schreibt meine Großmutter an mich: "(...) es mir ein gutes Gefühl zu wissen, daß ich nach meinem Ableben eine Seele weiß, die meine Arbeit schätzen und vielleicht in irgendeiner Weise fortsetzen wird (...) was meine Novellen betrifft, so bin ich sehr froh, daß sie Dir gefielen (...)."
   Das Verhältnis zum Tod hatte in der Familie immer eine große Rolle gespielt, aber eigentlich in humorvoller Weise. Trotzdem neigte Käthe Braun-Prager manchmal zu schweren Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken, die auch in Gedichten und Aphorismen zu erkennen sind wie: "Ich wollte in einen Laden gehen und eine Bestellung auf meinen Tod machen." (29)
   Käthe Braun-Prager starb am 18. Juni 1967 im Krankenhaus und wurde am Ehrenhain (30) im Wiener Zentralfriedhof begraben. Ich möchte mit dem von ihr verfaßten Grabesspruch (31) mein Nachwort beenden und wünsche mir, daß meiner Großmutter die Ehre zuteil wird, die sie verdient:

Was ich je gedacht und ausgesprochen,
Hat mein dünnes Lebensglas zerbrochen.
Was ich nie gesagt, nie aufgeschrieben,
Ist als Glanz von mir zurückgeblieben.



Fußnoten

  1. Dr. Felix Braun (1885-1973) - Dichter, Schriftsteller, Essayist, Dramatiker - Freund von Stefan Zweig u.a. - Hauptwerk: Agnes Altkirchner, Zsolnay, Wien 1965 - Romane, Gedichte, Erzählungen, Dramen - Tantalos, Burgtheater, Wien, 29.4.1932 - Kaiser Karl V., Burgtheater, Wien, 2.5.1936 u.a.

  2. Dr. Robert Braun (1896-1972) - Schriftsteller, Dichter, Kritiker, Essayist - Werke: Abschied vom Wienerwald, Styria, Graz 1971 - Josephine von Schweden, Amandus, Wien 1948 - Die Mutter der Flüchtlinge, Stiasny, Graz 1961 u.a. - Mitarbeit an österreichischen/deutschen/schweizerischen Zeitungen und am Rundfunk, 1938 Emigration nach Schweden, Bibliothekar am Kunsthistorischen Institut von Uppsala - Pseudonym Robert Montis - Emil Reich-Preis für Lyrik, 1928 - langjähriger Mitarbeiter der Wiener Presse - 1963 Professorentitel

  3. Moritz Khon schrieb Theaterstücke wie Der Herzog befiehlt und Liedertexte für Wiener Volkssänger, Couplets für Alexander Girardi

  4. Abschied vom Wienerwald von Robert Braun, Styria, Graz 1971, S. 106.

  5. Ebd., S. 102

  6. Dr. Hans Prager (1887-1940) - Philosoph, Literaturwissenschaftler, Essayist, Dostojewski- und Shakespeare-Forscher, Kritiker, Freimaurer - Werke: Die Weltanschauung Dostojewskis (Einleitung von Stefan Zweig), Verlag Borgmeyer, Hildesheim 1925 (wurde ins Russische übersetzt) - Das indische Apostolat (über Gandhi), Rotapfel-Verlag, Zürich 1925 - Wladimir Solowjeff's universalistische Lebensphilosophie, Mohr, Tübingen 1925 - viele Beiträge in den Zeitschriften Logos, Antaios und Imago - ein umfangreiches, noch unveröffentlichtes Werk liegt in der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien)

  7. Ulrike Popovic´, geb. Prager (1920-1994) - in Wien geboren, 1938 Emigration nach Paris, 1942 Heirat mit Vasilije Popovic´ in Paris, Geburt ihrer Tochter Tatjana Madeleine (Tanja) im September 1944 in Paris, ab 1947 in Wien und München, Sprachenlehrerin, Dolmetscherin

  8. Das Licht der Welt (Autobiographie) von Felix Braun, Herder, Wien 1949, Volksbuchverlag, Wien 1962 - (Kapitel: Die vergessene Mutter).

  9. Sieveringer Straße 188, Wien.

  10. Rosa Mayreder (1858-1938) - Frauenrechtlerin, Dichterin, Essayistin, Philosophin, Malerin - Werke: Essays Geschlecht und Kultur  und Zur Kritik der Weiblichkeit (wurde in mehrere Sprachen übersetzt), Diederichs, Jena 1907/1923, und Mandelbaum, Wien 1998 - Tagebücher 1873-1937, Insel, Frankfurt/M 1988 - Autobiographie Das Haus in der Landskrongasse, Mensa, Wien 1948, Mandelbaum, Wien 1998 - Novellen, Essays, Romane, Gedichte  u.a. Drama Anda Renata - Libretto zu Hugo Wolfs Oper Der Corregidor.

  11. Siehe Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Saur-Verlag, München 1995, Bd. 3, S. 442

  12. Vgl. Robert Braun, Abschied vom Wienerwald, S. 258.

  13. Grete Wiesenthal (1885-1970) - Tänzerin, Freundin der Familie

  14. 1939 verkaufte Braun-Prager aus finanziellen Gründen ca. 50 Briefe von Hugo Wolf an das British Museum in London für einen lächerlichen Betrag von 55 Pfund, was unter den damaligen Umständen sicherlich ausgenutzt wurde.

  15. Kopie des Briefes der Gestapo vom 5.11.1940 (mit Verfügung vom 19.8.1940) an die Spedition ist in meinem Besitz

  16. Vgl. Die Bilder meiner Schwester, von Felix Braun, in: Österreich und die angelsächsische Welt, Braumüller, Wien 1961.

  17. 14, Greville Place, London.

  18. Ein Teil des Briefwechsels zwischen Käthe Braun-Prager und ihrer Tochter sind in meinem Besitz. 

  19. Enthalten in Verfrühter Herbst von Käthe Braun-Prager, Gerstel Verlag, Wien 1932.

  20. Ruhe in der Ferne, Österreichische Verlagsanstalt, Wien 1972.

  21. In Verfrühter Herbst, Gerstel Verlag, Wien 1932

  22. Ein großer Teil ihrer Bilder, ihre vergoldete Staffelei und ihre alte Schreibmaschine (Baujahr 1910) sind in meinem Besitz.

  23. Ella Iranyi (1888-1942) - Malerin, Dichterin, wurde 1942 in Izbica ermordet.

  24. Übersetzung von Charles Dickens von Eleanor Graham, Zsolny, Wien 1953.

  25. Gewidmet an Mrs. Davies, 26 Seiten, Privatdruck.

  26. Geistingergasse 1/9/3 im 19. Bezirk, dort gibt es seit 1977 die Felix-Braun-Gasse.

  27. Die Bilder meiner Schwester, von Felix Braun, in: Österreich und die angelsächsische Welt, Braumüller, Wien 1961, S. 285.

  28. Anthologie Liebe, Zsolnay, Wien 1953 - Das Buch der Mütter, Zsolnay, Wien 1955.

  29. Ruhe in der Ferne, Österreichische Verlagsanstalt, Wien 1972.

  30. Zusammen mit ihrer Tochter Ulrike.

  31. Der ursprüngliche Text lautete anders und ist eine einzige Selbstanklage und wurde schon 1943 verfaßt. 

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