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FELIX BRAUN - TEXT (5)


Über meine Dichtung „Kaiser Karl der Fünfte“ von Felix Braun
 

Schauspieler, Hans Siebert, Raoul Aslan, Heinz Woester, Hedwig Bleibtreu, Fred Liewehr, Maria Mayer, Julia Janssen, Ewald Balser u.v.a. ,
Aufführung im Burgtheater, Wien  

 

Dem Knaben, der in der Schule zum ersten Male von dem großen Kaiser hörte „in dessen Reich die Sonne nicht unterging“, dünkte der frühe Verzicht des Herrschers auf eben dieses Reich unfaßbar. Als aber der Jüngling in der Galerie der fremden Stadt vor dem Bildnis des ganz in Schwarz gekleideten, traurigen ältlichen Mannes stand, dämmerte ihm ein Ahnen der in einem solchen Antlitz verhüllten Seele: ihrer eingeborenene Melancholie, ihrer Abgetrenntheit von den Menschen, ihrer Bereitschaft zur Entsagung. Von ihrer letzten und tiefsten Tat, dem Verzicht, aus mußte ihr gesamtes Schicksal begriffen werden. Und war denn dieser Verzicht auf die Macht und die Welt ein reiner, wahrhafter? Die Legende von der Leichenfeier, die der unter Mönchen lebende Kaiser sich selbst veranstaltet habe, erläutert den Entschluß als einen mit dem Willen des Geistes erzwungenen, nicht im Herzen geleisteten.

Hier lag die Wurzel einer Tragödie bloß. Das erschütternde Wort des Römerbriefes über den Willen zum Guten und das Versagen im Vollbringen des Guten hatte zum ersten Mal die Tragik des inneren Menschen ausgesprochen. Ich will das Gute mit dem Herzen, aber eben im Herzen vermag ichs nicht. Und warum vermag ichs nicht? Weil ich die Gnade der Liebe nicht habe. Und weil sie mir mangelt, kann ich auch nicht sterben. Weil ich das Ich bin, kann ich nicht zum Du und nicht zum All werden. Tieferes als nur ein Bild des Stolzes bedeutet der berühmte Ausspruch von der untergehenden Sonne. Wie einzig sie herrscht in der Himmelswelt, so der Kaiser in der Menschenwelt. Eine neue Tragödie setzt hier ein: die der Einzigkeit. Der Einzige will das All-Einige. Zu teilen vermag er nicht, - aber das Leben wird ihm, was er besitzt, wovon er sich nicht trennen kann, streitig machen, abfordern, abringen. Denn auf Erden darf nichts bewahrt, muß alles hingegeben, geopfert werden.

Aus der Sphäre der Geschichte gelöst, wurde mir Kaiser Karl der Fünfte zum Sinnbild des einsamen Menschen selbst. Unser jeder ist ein Mittelpunkt der Welt, und wo die Mitte zugleich die Höhe ist, wird die Welt zu festestem Eigentum. Wir aber müssen rückerstatten, was uns geliehen ward. In sechs Stationen des Verzichtes sollte diese Entwerdung dargetan werden. In jeder, auch der letzten, mißglückt sie der Seele. Denn wir wollen das Unsere auf der Erde behaupten und können es nicht einmal Gott, geschweige denn Menschen, die an dem Unseren teilhaben wollen, überlassen. Das Tragische liegt nicht erst in der Freveltat – die fehlt hier ganz – sondern in der Ohnmacht, das gute Werk im Herzen aufzubringen, in der Ohnmacht, zu strömen, zu lieben, zu sterben.

Die Seele ist dir weit, dein Herz ist eng, - Und enges Herz ist ein unheilbar Leiden.

In diesen Worten des sterbenden Kaisers Max an den jungen Enkel ist der Schlüssel zu Karls Charakter und Schicksal zu erkennen. Der Gegenspieler, ja die Feinde sind es, die uns dazu bringen, loszulassen, aufzugeben, vom Eigenen abzustehen, zu entsagen. Das ist der Sinn der Feindschaft wie der Krankheit: daß das Ich erschüttert wird, daß seine starren Grenzen zerbrechen. Aber auch der Sinn des Todes als der letzten und vollkommensten Versöhnung des Ichs mit der Welt wird von hier aus sichtbar. Der Tod hebt die Grenzen auf, an denen allein wir hier leiden. Denn das Enge ist das Böse und das Weite das Gute. Wenn es der Liebe nicht gelingt, das Herz weit aufzutun, wenn der Verzicht sogar nur eines der „Werke“ bleibt, dem die Gnade nicht einwohnt: der Tod, der das Ich aufhebt, bringt es der Gottheit zurück in die Sphäre, die allein darum Seligkeit ist, weil die Grenze in ihr nicht mehr besteht.

 

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